Corpus Delicti
Auf dem Flur vor dem Anhörungssaal saß der Hund. Er schien Nobe zu erkennen, denn sofort, nachdem dieser aus der Tür getreten und diese leise hinter sich geschlossen hatte, kam das Tier angelaufen und strich um seine Beine. Dann ließ er sich neben Nobe auf den Steinen nieder und legte den Kopf auf die Vorderpfoten. Schwerfällig erhob sich ein Gerichtsbeamter von seinem Stuhl neben einem Aushang über die verschiedenen Verfahren des heutigen Tages und ging langsam auf Nobe und den Hund zu.
„Sie haben da einen sehr gut erzogenen Hund.“
„Es ist ein Blindenhund“, sagte Nobe.
„Sind Sie denn blind?“ Der Gerichtsbeamte kratzte sich am Kinn.
„Nein. Ich bin nicht blind. Auf Wiedersehen.“
Nobe beugte sich nach vorne, nahm die am Boden liegende Leine auf und beobachte erfreut, daß der Hund dieses Signal zum Aufbruch verstand und bereitwillig mit ihm gehen wollte.
„Ist das denn überhaupt Ihr Hund?“
Nobe ging weiter, mit straffer Leine, den Hund immer einen Schritt vor sich. Menschen drehten sich zu ihnen um, schauten abwechselnd zu ihm und dem Beamten, der gestikulierend an dem Glaskasten stand und rief.
„Ist das da Ihr Hund? Antworten Sie!“
Dann waren sie beide auf der Straße. Es war früher Nachmittag.
Es gefiel Nobe, daß der Hund die Führung übernahm, obwohl der vermutlich ahnte, vielleicht wusste, daß Nobe nicht blind war. Alte Gewohnheiten sterben schwer, und Nobe hatte vergleichsweise wenig Erfahrung damit, seinen Weg selber zu bestimmen. Er war aufgeregt und seine Hände schwitzten, immerhin hatte er eben einen Justizbeamten missachtet, hatte vielleicht sogar Diebstahl an der Allgemeinheit begangen. Er schob den letzten Gedanken schnell zur Seite, der Hund wäre im besten Fall in ein Tierheim gekommen, eher jedoch Schlimmeres. Schließlich lebte dieser Hund nur deswegen, weil Nobe ihn unter der wartenden Bahn hervorgezogen und durch diese Rettungsaktion eine Verspätung von eineinhalb Stunden verursacht hatte, was bei 2,8 Millionen Fahrgästen täglich einem Verlust von 480 Jahren entspräche. Der Richter hatte Nobe dieses Rechenexempel ausführlich in seiner Urteilsbegründung präsentiert, diese Schuld war real und lag schwerer auf Nobe als die Tatsache, daß er nun dem Corpus Delicti an einer Leine folgte. Zumal es sich richtig anfühlte.
Nobe schloss die Augen und überließ sich völlig der Kontrolle des Hundes. Er lehnte sich beim Gehen leicht nach hinten, so daß die Spannung der Leine niemals nachließ, und folgte dem Hund, wohin immer er ihn führen wollte. Es war ein neues Gefühl von Freiheit, ein großes Gefühl, und Nobe wollte es so bewusst wie möglich genießen können.
Die Leine wurde schlaff, Nobe öffnete die Augen und sah, daß der Hund an einer Laterne das Bein hob und diese markierte. Das geht zu weit, dachte Nobe und zog an der Leine. Der Hund folgte ihm gehorsam und ging wieder in Führung, während Nobe noch einmal nach hinten schaute, um sich zu versichern, daß niemand diese Verunreinigung öffentlichen Eigentums bemerkt hatte. Zu seinem Erstaunen war die Stelle an dem Laternenmast deutlicher verfärbt, als es eine solche Verschmutzung vermuten ließe. Nobe zog abermals an der Leine, was von dem Hund erneut mit sofortigem Richtungswechsel quittiert wurde, und langsam gingen beide zu der Laterne.
Nobe beugte sich vor und besah sich die Verfärbung genauer – sollte der Hund krank sein, eine ansteckende, am Ende auch für Menschen gefährliche Krankheit in sich tragen? Doch bereits der erste Eindruck ließ keinen Zweifel aufkommen, es handelte sich bei dieser Verfärbung eindeutig um eine massive Korrosion des Metalls, und bei genauerem Hinsehen konnte Nobe erkennen, daß der Rost bereits so weit vorgedrungen war, daß er die Statik des Mastes gefährdete. Eigentlich war es ein Wunder, daß diese Laterne noch nicht zusammengebrochen war.
Nobe richtete sich wieder auf und schloss die Augen. Spürte den Zug auf der Leine, beugte sich leicht nach hinten und setzte langsam einen Fuß vor den anderen. Erst den linken Fuß, dann den rechten hinterher, den linken wieder vor, den rechten hinterher.
In diesem Moment kippte die Laterne nach vorne, ein seufzendes Geräusch, dann das Bersten von Metall, Glas, das zerschellte.
Als Nobe die Augen wieder öffnete, stand die Sonne bereits tief, ihre roten Strahlen wurden von den Leuchtreklamen und Verkehrszeichen der Stadt verhöhnt, die sich auf die bevorstehende Nacht vorbereiteten. Nobe war dem Hund über eine Stunde blind gefolgt, nun fand er sich inmitten von Asakusa wieder, vor einer roten Ampel an einem Kreisverkehr. Der Hund saß neben ihm auf dem Asphalt und beobachtete aufmerksam das rote Licht, während Nobe die jungen Ginkgobäume betrachtete, die in der Mitte des Kreisverkehrs gepflanzt waren. Unter ihnen verlief seine ehemalige Line, die Asakusa-Linie, auf der anderen Straßenseite war der Eingang zu den Gleisen.
Nobe schauderte es.
Er ging in die Knie, streichelte dem Hund über den Schädel und sprach mit leiser Stimme auf ihn ein.
„Wolltest du mich hierhin führen? Sicher wolltest du das. Hier haben wir beide alles verloren, du deine Besitzerin und ich meine Arbeit. Doch ich zumindest habe auch gewonnen, Freiheit, die habe ich gewonnen.“
Nobe hielt inne. Freiheit, dachte er bitter, Freiheit. Dann öffnete er den Karabiner an dem schmucklosen Hundehalsband.
„Wenn ich frei bin, sollst du es auch sein.“
Der Hund sah Nobe an. Er sieht weise aus, dachte Nobe, alt und weise. Und müde.
Dann lief der Hund plötzlich los, ohne einen Laut von sich zu geben, das Haltesignal nicht beachtend. Der Fahrer des Kleinbusses verlor beim Versuch, die Kollision abzuwenden, die Kontrolle über sein Fahrzeug und raste nahezu ungebremst in den Kreisverkehrsmittelpunkt. Der Hund flog, ohne einen Laut von sich zu geben, in die gleiche Richtung, wurde dann von dem Kleinbus überrollt und mitgeschleift.
Herr Nobe sah sich die blutige Szenerie an, unfähig, auch nur eine Bewegung zu machen oder etwas zu sagen. Menschen kamen herbeigeeilt, der Fahrer des Kleinbusses, der sich wenigstens nicht überschlagen hatte, stieg unverletzt aus seinem Fahrzeug aus und besah sich den Schaden. Niemand achtete auf den blutenden Hundekörper, der unter einem Schößling verendete.
Er spürte seine Knie schmerzen und erhob sich. Drückte den Rücken durch und streckte sich ein wenig. Freiheit, was für ein Wort.
Der Himmel über der Szenerie verdunkelte sich langsam, die Sonne war endgültig versunken für diesen Tag, und in der Mitte des Kreisverkehres erhob sich ein Ginkgobaum.
Es ist früher Morgen, Herr Nobe wacht unausgeschlafen in seinem vom Dämmerlicht beschienen Bett auf. Der gestrige Tag kommt ihm nach unruhigem Schlaf nicht viel weniger unwirklich vor, als er ihn gestern Abend verabschiedet hatte, die Bilder des Tages liegen immer noch schwer auf ihm. Er fühlt sich alt. Sehr alt.
Auf dem Weg zum Waschbecken macht er den Fernseher an, Nachrichten.
„Im Tokioter Bezirk Asakusa hat sich in der vergangenen Nacht etwas schier Unglaubliches ereignet. Ein Ginkgobaum, der mit anderen jungen Ginkgobäumen auf einem Kreisverkehr über der Asakusa-Central erst vor wenigen Wochen eingepflanzt wurde, ist auf unerklärliche Weise gewachsen und hat nun eine Höhe von etwa 40 Metern erreicht. Seine Wurzeln haben die U-Bahntunnel in beiden Richtungen teilweise zerstört, und auch überirdisch ist der Verkehr seit den Morgenstunden durch Schaulustige vollkommen zum Erliegen gekommen. Experten schätzen das Alter des Baumes auf 400 bis 500 Jahre, haben jedoch keine wissenschaftliche Erklärung für das Phänomen.“
Herr Nobe putzt sich die Zähne, gründlich, mindestens drei Minuten lang. Konzentriert sich auf die Zahnbürste, den frischen Geschmack, seine Zähne. Er spült aus, wischt sich den Mund trocken. Geht zum Fernseher und wechselt den Sender.
„Nach Expertenmeinung wird der Schaden auf mehrere Hundert Millionen Yen geschätzt. Da die U-Bahn durch das Wurzelwerk einsturzgefährdet ist, wird es mindestens vier Wochen dauern, bis der reguläre Betrieb wieder aufgenommen werden kann. In der Zwischenzeit werden die Fahrgäste gebeten, auf andere Linien auszuweichen oder zu Fuß zu gehen.“
Herr Nobe denkt nach. Vier Wochen, 2,8 Millionen Menschen, er sucht den Taschenrechner. Ohne Eile tippt er Ziffern ein, noch eine und noch eine, verwirft das Ergebnis und rechnet nochmal nach. Fast 7.700 Jahre. Mindestens. Er atmet ruhig.
Draußen beginnt ein sonniger Tag. Herr Nobe denkt an den Hund, an die blinde Frau, denkt an den Richter und seine ehemaligen Kollegen. Er macht den Fernseher aus, schließt leise die Tür hinter sich. Im Treppenhaus begegnet ihm ein Nachbar. Er grüßt höflich und tritt durch die Haustür auf die Straße. Wie in Zeitlupe erscheint ihm die Welt an diesem Morgen.
Herr Nobe schließt die Augen und lehnt sich leicht nach hinten, setzt erst den linken Fuß nach vorne, dann den rechten hinterher. Setzt blind einen Fuß vor den anderen und lässt sich treiben. Er spürt die Berührung von Fremden, die er auf seinem Weg mit der Hand oder einer Schulter streift, spürt unter seinen Füßen den glatten Asphalt. Freiheit, denkt er.
Als er die Augen wieder aufmacht, lenkt er seine Schritte in den nahegelegenen Park, setzt sich im warmen Licht der Sonne auf eine Wiese, lässt sich nach hinten sinken und sieht in den Himmel.
Herr Nobe lächelt, als er sich langsam umdreht, den Oberkörper mit den Unterarmen abstützt und das Gras unter sich betrachtet. Er sammelt Speichel in seinem Mund, dann öffnet er die Lippen und entlässt einen dünnen, glitzernden Speichelfaden. Immer länger wird dieser, in ihm reflektiert sich die Morgensonne, gleich wird er seinen Mund verlassen und zu Boden fallen.
Herr Nobe fühlt, daß er noch sehr viel Zeit hat.