Schlechte Nachrichten kommen aus Duisburg
Im Herbst 2010 sind wir nach Duisburg gezogen. Von den dringenden Gründen, die den Ortswechsel erforderlich machten, ist heute keiner mehr übrig. Dafür lernen wir immerhin Duisburg kennen. Glaubten wir.

Viele Stimmen und kein Sprecher
Ich dachte vorher, Duisburg läge neben Köln. Mein Mann dachte, Duisburg rockt. Beide Annahmen waren falsch.
Im Ruhrpott liegt eine Stadt neben der anderen. Außerdem sind da noch mehr Städte, von denen ich vorher dachte, sie gehörten auch zum Ruhrpott, lägen neben Köln oder beides. Wir waren in Essen, Mülheim, Oberhausen und Bochum, in Bottrop, Moers und Krefeld. Dort trafen wir neben Einheimischen auch Menschen aus Dortmund und all den Städten, die ich vergessen habe, und alle hatten neben den üblichen Ruhrpottproblemen viel Gutes über ihre Städte zu berichten. Überall gibt es die beste Currywurst, die heldenhaftesten Väter und die ungeheuerlichsten Geschichten aus dem Krieg – nur nicht in Duisburg.
In Rheinhausen will niemand ein Duisburger sein.

Wo wir wohnen, wird aus Tradition kein gutes Haar an der Stadt gelassen. Viele wissen noch ganz genau, wie das damals war mit der Eingemeindung, und diese Geschichte kann nicht verziehen werden: Gegen den Willen der Rheinhausener hatte sich Duisburg das blühende Nachbarstädtchen einfach unter den Nagel gerissen, denn die Montanstadt war pleite. Statt sich jedoch wie erhofft an Rheinhausen gesundzustoßen, riss sie es mit sich in einen Abgrund, zu tief, um je wieder herauszukommen. Kein Geschäft im Viertel, in dem nicht erzählt wird, wie schön Rheinhausen war, bevor alles vor die Hunde ging, wie alles immer weiter vor die Hunde geht und wer daran schuld ist. Jetzt fehlt die alte Stahlkocherseele, dieser Mythos mit dem rußigen Zopf, an dem sich schwielige Hände aus jedem Sumpf ziehen können, sofern der Besitzer nur kräftig genug hineinspuckt. Sie ist tot und kommt nie mehr zurück. Duisburg hat es vermasselt.
Alter Groll und neuer Müll

Tragischerweise haben wir auch außerhalb von Rheinhausen bis jetzt keinen Duisburger und auch sonst niemanden kennengelernt, der bereit gewesen wäre, eine Lanze für Duisburg zu brechen. Keiner wollte die historische Bedeutung eigentümlicher Stadtviertelnamen erklären, auf verwunschene Ecken hinweisen, das lokale Bier rühmen, eine Wurstbude ausdrücklich empfehlen oder wenigstens die Fußballmannschaft in Schutz nehmen. Spontan wird stattdessen abgewunken und erklärt:
- Duisburg kann das Drama mit der Love Parade nicht überwinden.
- Duisburg hat das Drama mit Krupp nicht überwunden.
- Duisburg hat seit jeher ein Identitätsproblem.
- In Duisburg hat Gutes einen schlechten Start, einen schweren Stand und eine kurze Lebenszeit.
- In Duisburg bewegt sich nichts.
Darum gibt es für uns immer noch kein Duisburg. Da ist nur diese Stadt auf der anderen Rheinseite, die auf besonders deprimierende Weise vergammelt: Nicht vornehm verklärt, melodramatisch oder spektakulär, sondern so vor sich hin.
Müll wird nicht nur überall weggeschmissen und hingerotzt, sondern nachdrücklich platziert.
Am Bahnhof sind beispielsweise diese kleinen Metallständer zum Anschließen der Mietfahrräder. Sie bestehen aus Metallrohr, das sich durch eine kleine Öffnung mit Müll befüllen lässt. Damit immer mehr und auch der gewünschte Müll hineinpasst, werden sperrige Sauereien notfalls in Form gefaltet, gerollt oder zerlegt. Ich kenne auch ein Gebüsch, in dem seit mindestens zwei Jahren ein Regenschirm verwittert.

Anfangs habe ich manchmal davon geträumt, eine Legion schwäbischer Hausfrauen mit Besen, Eimern und geblümten Kittelschürzen auf den Straßen von Duisburg auszusetzen.
Davon träume ich längst nicht mehr.
Was ich eigentlich erzählen wollte
Am Neujahrsmorgen waren wir in Essen unterwegs und baten einen Essener Taxifahrer um Hilfe bei unserem Duisburgproblem. Weil er viel über das Ruhrgebiet wusste und tolle Städtegeschichten erzählt hatte, fragten wir ihn, ob er nicht auch etwas wüsste, das Duisburg auszeichnet. Er sagte:
„Schlechte Nachrichten kommen aus Duisburg.“
Seitdem haben wir immerhin einen großartigen Spruch, auf dem wir sitzenbleiben können.

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