Vom Waschlappentod der Gebrauchselektronik
Nach einem Jahr der Nutzung präsentierte mir mein Laptop am Himmelfahrtstag einen Festplattencrash, dessen Phantasielosigkeit und schlampige Ausführung mich ratlos zurückließen.
Obwohl diese IT-Katastrophe meine Daten und unser ganzes Unternehmen betraf, passierte sie nicht mir. Denn die wenigsten IT-Katastrophen haben, so erschreckend das klingen mag, heute noch das nötige Rüstzeug, um Menschen wie mir glaubwürdig zu passieren.
Mit der lahmen Hektik eingepferchter Dienstimpulse verwirklicht zwar auch sterbende Feinelektronik bisweilen bemerkenswerte Formen der Endgültigkeit, doch fehlt es immer wieder an der überzeugenden Choreographie und allgemeinen Glaubwürde des Defektgeschehens.
Wird Schaden zum Recht auf Reparatur?
Lautlos zur Unzeit im Dunkeln herumzupassieren, nachher frech die Rechnung zu präsentieren und für diese Leistung auch noch gelobt werden zu wollen: Nichts gegen moderne Zeiten, aber das ist nicht gerade die sportlichste Art, Existenzbestätigung zu schnorren.
Während sich früher selbst schweres Gerät regelrecht abmühte, um die nötigen Ersatzteile durch zeitlich abgestimmte und ansprechende Defektpräsentation zu verdienen, genügt es heute offenbar, den nackten Defekt vor die Tür zu stellen oder zum Fenster heraushängen zu lassen.
Viele User unterstützen diesen Trend aus Gedankenlosigkeit, Ungeduld oder mangelnder Erfahrung. So wird der Schaden mehr und mehr zum Zahlungsmittel, mit dem Geräte jederzeit ein Recht auf Reparatur erwerben können.
Auch ich habe mein Gerät reparieren lassen und damit seine einfallslose Schadensmeldung als Recht gelten lassen.
Ich tat es, um Geld zu sparen.
Bloß nicht aufstehen zum Kaputtgehen!
Lötplattenträger gehen generell geizig mit den internationalen Zeichen aufrechten Versagens um. Nur selten lassen sie sich herab, einzelne Funktionsausfälle oder kompakte Zusammenbrüche regelrecht durch Übertemperatur, Geräusch- oder Geruchsentwicklung aufzuzeigen.
Das Rauchen, Rußen und Rumpeln der Vorväter ist dieser sauberen Bande traditionell zu anstrengend. In der Folge werden auch anspruchsvolle Künste wie Schwelbrand oder Kriechstrom kaum noch gelehrt.
Nach dem Motto „Wozu Rauchfahnen schwenken, wo kein Wind weht?“ wird das Unterlassen jeder Defektkultur mittlerweile sogar als neuer Trend praktiziert – selbstverständlich ohne Zuschauer.
Der Niedergang der Defektkultur
Es ist traurig, aber wahr: In den begrenzten Dunkelkammern elektronischer Geräte kann mittlerweile jeder gestauchte Hauch von gespaltenem Halbleiterhaken ohne Position, Richtung und Ruhemasse anfangen und es mit ein wenig Glück bis zum Katastrophenherd bringen, ohne sich dafür auch nur einmal um eine Achse drehen oder erwärmen zu müssen.
Als wäre das nicht schon schlimm genug, transportieren die Meldungen kaputter Rechner grundsätzlich keinerlei Funktionswunsch. Dabei stehen ihnen dazu Mittel zur Verfügung, von denen liegengebliebene Fahrzeuge, durchgelaufene Schuhe oder defekte Rasierapparate nur träumen können.
Von alledem soll hier jedoch gar nicht die Rede sein. Dass sie es trotzdem ist, liegt an der Themennähe.
Computerversagen: Hirnleere statt Aktiverlebnis
So aufregend erlebte ich den Waschlappentod meines Rechners:
Ich schaltete das Leihgerät wie gewohnt ein, drehte mich kurz um, fand danach nichts mehr vor, glaubte es nicht und wiederholte den Vorgang.
Jedes Mal verstärkte ich den Druck auf den Ein- und Ausschaltknopf und begleitete meine Versuche mit Worten der Hilflosigkeit.
So konnte ich schließlich die Aufmerksamkeit meines Mannes wecken. Und dem schien der Defekt schon wesentlich glaubwürdiger gegenüberzutreten: Innerhalb von Sekunden hatte Christian einen ersten Eindruck gefasst, sachlich zementiert und in volksnahe Worte gekleidet.
Den Rechner erkannte er als „klötten“ (ugs.; umfassend u. vorauss. dauerhaft kaputt) und überalterte Firmware als Grund.
Außerdem schloss er alle Reparaturmöglichkeiten der Hausapotheke kategorisch aus und verwies in diesem Zusammenhang auf die noch nicht abgelaufene Garantie.
Denn in diesem Punkt unterschied sich dieses Pannengerät von allen anderen, mit denen ich jemals zu tun gehabt hatte.
Trockenübungen für den Garantiefall
Ich glaubte alles und holte den Akkuschrauber, um das Gerät in Ruhe zu öffnen und einen Blick hineinzuwerfen, nachdem bereits das Verständnis fehlte und die Reparatur sich verbot.
Daraufhin erlebte ich die verschwenderische Fülle der Gefühls- und Sprachbewegung, zu der sich mein starker, kluger und verständiger Mann bisweilen durch den Anblick eines kleinen Elektrowerkzeugs in kleinen Händen inspiriert fühlt.
Natürlich drehte ich die Schräubchen umgehend wieder fest.
Das reichte dem Akademiker aber noch lange nicht: Als Pfand nahm er außerdem mein Wort, zuerst mit jemandem von der Hotline zu sprechen.
Die jedoch war an diesem heiligen Donnerstag kälter als die fettigen Teller vergangener Pfadfindertreffen.
Bis ich jemanden erreichte, der mir erlaubte, meinen Laptop zu öffnen, hatte ich zum Schrauben keine Zeit mehr. Denn immerhin wollten wir an diesem Abend noch ins Konzert gehen: Seit Wochen hatten wir Karten für Nomeansno und freuten uns auf einen Abend in Oberhausen.
Das ist doch nur klötten, um niedlich zu sein.

Gott persönlich kümmerte sich darum, dass ich mein unterdrücktes Forschungs- und Auseinanderschraubbedürfnis an diesem Abend doch noch ausleben durfte und nicht daran platzen musste.
In seiner unendlichen Güte ließ er die Billigkamera, die wir für spektakuläre Konzertfotos mitgenommen hatten, bereits in der Oberhausener Bahnhofsunterführung ihren Geist aufgeben – und bewog Christian, mir seinen Nagelknipser zu leihen, um damit im Gekröse hinter dem Objektiv herumzustochern, bis nichts Spannendes oder Niedliches mehr herausfallen wollte.
Das letzte Bild, das ich damit aufgenommen hatte, war so verschwommen, dass ich die Botschaft mit Paint nachmalen musste. Schönen Dank auch.
By the way: How fucken old are Nomeansno?
Das Konzert war großartig – ein Kulturerlebnis, an das wir uns noch lange und gern erinnern werden.
Nach wenigen Tagen heilte der temporäre Hörschaden, verging der Muskelkater und holte uns die Arbeit ein.
Nur mein Rechner lag immer noch herum und wartete auf die Abholung.
Es ist so egal, wenn Hohlkörper reisen
Alles, was mir zu tun blieb, waren der Ausbau meiner Datenplatte und das Zusammenschustern einer Originalverpackung statt der Originalverpackung.
Zu beiden Arbeiten war ich zwar ausdrücklich befugt, führte sie jedoch in verschiedenen Nebenzimmern aus, um den einzigen Akademiker des Unternehmens nervlich nicht über Gebühr abzunutzen.
Zwei Wochen dauerte es, bis mein tumbes Leihgerät mit neuem Mutterbrett, neuer Systemplatte und neuer Originalverpackung endlich zu mir zurückkehrte, Christian es mir nach dem Auspacken wegnahm, in saubere Windeln kleidete und sprach: „Jetzt machen wir das mal ordentlich.“
An solche Schrauben kann keiner mehr glauben
Zwischen all dem Warten auf ein vernünftiges Startmenü, frisch synchronisierte Ordner, taugliche Browsereinstellungen und Anleitungen zum Entfernen kurios hochflappender Minimenüs durfte ich wenigstens meine Datenplatte wieder einbauen.
Zwischen traurigem Elektronikgekröse fand ich dabei eine der beiden Festplattenschrauben, die ich im Gerät gelassen und extratief eingeschraubt hatte, um sie nicht zu verlieren.
Die andere war weg.
Der Wahrheit ins Gesicht sehen, ohne dabei einzuschlafen
Mein elektronischer Schoß- und Schreibtischpartner ist ein angeschweißter Legionär mit Kunstherz und Klonhirn.
Ein geborgtes Klappgerät, das sich von Fremden entblößen lässt, trotz seiner Jugend bereits unter Gewindeschwäche leidet und geboren wurde, um planmäßig den Waschlappentod zu sterben.
Während ich dieses Gerät benutze, um Geld zu verdienen, horcht es gewiss immerzu in sich hinein und rechnet mit dem unwillkürlichen Abgang kleinerer Schrauben und Halbleiterhaken.
Für einen Charakter nach DIN ist das nicht genug. Aber dabei wird es bleiben.
Die Zeiten, als man den Gleichrichter noch „Gleich-riecht-er“ nennen konnte, sind vorbei. Auch Kondensatoren sterben nur noch selten explosiv und lassen ihre feuchten Inhaltsstoffe auf dem gesamten Geräteinneren kondensieren und nebenbei das Gerät auf übelste Art und Weise nach Fisch stinken. Trotzdem ist meine Nase immer noch das erste mir zu Verfügung stehende Messinstrument, das ich benutze. Denn meist muss man nur nahe genug rangehen, um den elektrischen Tod doch noch riechen zu können.